Historie

Warum ein Bach an der Gründung eines hannöverschen Vokalensembles schuld ist, Holdenstedt (Uelzen) dem Ensemble einen Namen gab und nach Schönberg längst noch nicht Schluss ist: Merkwürdigkeiten und Meilensteine aus der über 10-jährigen Geschichte des Collegium Vocale Hannover.

Johann Christoph Friedrich Bach
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J.C.F. Bach (1732-1795) ¹

Der dritte von vier komponierenden Söhnen des großen Leipziger Thomaskantors begann seine Laufbahn 1750 als Hofmusiker in Bückeburg, wo er später zum Hofkapellmeister aufstieg. Zeitlebens blieb er der musikliebenden, aber bedeutungslosen Grafschaft Schaumburg-Lippe verbunden und erfuhr so, obwohl er in seinem musikalischen Schaffen seinen berühmteren Brüdern auf Augenhöhe begegnet, nie eine adäquate überregionale Anerkennung. Erst in jüngster Zeit konnte der Bückeburger Bach an Akzeptanz unter Musikwissenschaftlern zulegen.
Für eine angemessene Würdigung seines Schaffens auch durch ein breiteres Publikum erweist sich allerdings der Verlust großer Teile seines Erbes an die Weltkriegs-Beutekunst als große Hypothek. Zu den wenigen erhaltenen Werken zählt das Passionsoratorium „Der Tod Jesu“.

Mit einem Stapel Noten des Oratoriums „Der Tod Jesu“ beginnt die Geschichte unseres Ensembles. Dieses Notenpaket nämlich fiel dem Kantor der Nazarethgemeinde Hannover, Torsten Meyer, in die Hände. Der war sofort begeistert, und da er einen geeigneten Chor für dieses kammermusikalische Projekt benötigte, bildete er aus Sängern seiner Kantorei ein neues Ensemble. Das Konzept ging auf: Am 10. April 2004 brachten Meyer und sein Vokalensemble an Nazareth das Oratorium „Der Tod Jesu” von Johann Christoph Friedrich Bach zu Gehör – die hannoversche Erstaufführung dieses Werkes.

Die Resonanz auf dieses Konzert war ausgesprochen positiv und führte zu dem Entschluss, dem Vokalensemble neben der bereits etablierten Kantorei einen festen Platz in der kirchenmusikalischen Arbeit der Nazarethgemeinde einzuräumen.

Nazarethgemeinde

Nazarethkirche

Nachdem das Bevölkerungswachstum Hannovers in der Gründerzeit zur rasanten Expansion der Südstadt und ihrer Gartenkirchgemeinde geführt hatte, entstand 1907 durch eine Gebietsteilung die Nazarethgemeinde. 100 Jahre später sind die einst stolzen Mitgliederzahlen auf ein Viertel zurückgegangen und zwingen die Nazarethgemeinde 2009 zur Fusion mit den benachbarten Gemeinden Paulus und Athanasius. Daraus entsteht die Südstadt-Kirchengemeinde.
Kirchenmusik hat in der Gemeinde schon immer eine große Rolle gespielt. Zahlreiche Ensembles vom Blockflötenkreis bis zur Kantorei haben hier eine Heimat und zum Teil jahrzehntelange Tradition. Seit seiner Gründung 2004 gehört auch das Collegium Vocale Hannover zur Nazareth- bzw. Südstadtgemeinde.

Für die erste Entwicklungsphase des Ensembles ist eine starke Bindung an die Gemeinde charakteristisch: Konzerte finden in dieser Zeit ausschließlich in der Nazarethkirche statt, zum Teil auch gemeinsam mit der Kantorei, aus deren Reihen sich nach wie vor der größte Teil der Ensemblemitglieder rekrutiert.

Vokalensemble an Nazareth (2005)

Musikalisch legt Torsten Meyer großen Wert auf schlanke, bewegliche Stimmen und einen durchsichtigen Ensembleklang, der Inhalte verständlich und überzeugend transportiert. Dies stellt im Juli 2005 auch ein Kritiker fest:

„Das Ensemble intonierte sehr sauber mit ausgezeichneter Artikulation, präziser Linienführung und flüssig bewegtem Tempo.“

Auch überzeugend muss jenes Konzert gewesen sein; unvergessen der Moment, als sich in Bachs Motette „Jesu, meine Freude“ während der Worte „ob es itzt gleich kracht und blitzt“ vor der Kirche ein Auffahrunfall ereignet …

Kein Zufall ist hingegen die Wertschätzung in Hannover, die sich das Vokalensemble an Nazareth erarbeitet. 2007 führt sie zu einer ersten Konzerteinladung nach Wilkenburg, wo in St. Vitus ein Adventskonzert zu besetzen ist. Das erste Konzert außerhalb der Nazarethgemeinde ist dennoch ein anderes: Bereits im September ist Torsten Meyer in seiner Uelzener Heimat für mehrere Veranstaltungen der Holdenstedter Schlosswochen als Sänger engagiert und nimmt sein Ensemble gleich für einen Abend mit.

Torsten Meyer
Torsten Meyer (Foto: M. Busse)

Torsten Meyer
(Foto: M. Busse)

Torsten Meyer stammt aus Veerßen (Uelzen), studierte an der HMTM Hannover und übernahm 1999 das Kantorenamt der Nazarethgemeinde in Hannover-Südstadt. Innerhalb weniger Jahre gelang es dem engagierten, charismatischen Chorleiter und Gesangspädagogen, die Kantorei seiner Gemeinde zu neuer Blüte zu führen und im Musikleben der Stadt zu etablieren. Sein erfolgreiches Wirken wurde 2002 mit dem Kirchenmusikpreis des Stadtkirchenverbands Hannover gewürdigt und blieb auch akademischen Kreisen nicht verborgen. 2009 folgte Torsten Meyer einem Ruf als ordentlicher Professor für Gesang und Ensemblegesang an die Hochschule für Musik Freiburg. Im Juni 2010 legte er auch die Leitung des von ihm gegründeten Collegium Vocale Hannover, mit dem er seit 2004 zahlreiche musikalische Akzente in Hannovers Südstadt gesetzt hatte, nieder.

In Holdenstedt trat das Vokalensemble an Nazareth auf Wunsch des Veranstalters als „Chor der Holdenstedter Schlosswochen“ in Erscheinung. Offenbar hatte das für ein einziges Projekt gegründete und dann überraschend langlebig und erfolgreich werdende Ensemble bislang versäumt, sich einen Namen zu geben, der sich für eine langfristige und überregionale Konzerttätigkeit eignet. Die bevorstehende Gemeindefusion, die eine exklusive Bindung an die Nazarethkirche nicht mehr opportun erscheinen ließ, tat ein Übriges: Seit dem Jahr 2008 trägt das Vokalensemble den Namen Collegium Vocale Hannover.

Kurz darauf folgten weitere Umbrüche: 2009 verabschiedete sich Torsten Meyer mit einer ergreifenden Aufführung von Bachs h-Moll-Messe, gemeinsam ausgeführt von Kantorei an Nazareth und Collegium Vocale Hannover, aus seinem Kantorenamt. Im Juni 2010 endete auch seine Zeit im Collegium Vocale Hannover.

Johann Sebastian Bach

J. S. Bach (1685-1750) ¹

Der wohl herausragendste protestantische Komponist aller Zeiten (und Vater des oben genannten Bückeburger Bachs) hatte lange um gebührende Anerkennung zu kämpfen: Für Arnstadt war er zu virtuos, für Weimar zu halsstarrig, für die großen Höfe zu altmodisch. Selbst in Leipzig, wo Bach nach zahlreichen Stationen in der Provinz endlich ein renommiertes Amt erhielt, war er als Thomaskantor nur dritte Wahl.
Heute hingegen kommen wenige Kirchenkonzerte ohne seine Musik aus. Bachs Passionen und die h-Moll-Messe gelten als Juwelen der Chormusik. Und auch durch die Geschichte des Collegium Vocale Hannover ziehen sich Bachs Motetten, Kantaten und Oratorien wie ein roter Faden und zieren manchen Meilenstein.

Mit Bach hatte Torsten Meyer sein Wirken beendet, und mit Bach begann auch das nächste Kapitel. Zunächst aber brauchte das Collegium Vocale Hannover einen neuen Chorleiter.

Collegium Vocale Hannover (2010)

Florian Lohmann, der zwischenzeitlich schon als Interimsleiter der Kantorei fungiert hatte, übernahm nun die Leitung des Collegiums. Für die musikalischen Zukunftspläne waren einige Neuzugänge nötig, und dafür kamen Lohmann seine guten Kontakte an die Musikhochschule sowie zu Ehemaligen des Knabenchors gelegen. Der Prämisse, im Collegium Vocale Hannover ehrenamtliches Engagement mit professionellem Anspruch zu verbinden, war dies durchaus zuträglich.
Im Oktober 2010 schließlich meldete sich das Collegium Vocale Hannover in erweiterter Aufstellung mit einem A-Cappella-Programm rund um die Bach-Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“ zurück.

Florian Lohmann
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Florian Lohmann

Florian Lohmann ist durch seine Zeit beim Knabenchor Hannover schon von Kindesbeinen an in Hannovers Musikszene präsent. Während seines Studiums an der HMTM Hannover war er zeitweilig als Tenor im damaligen Vokalensemble an Nazareth aktiv.
Seither hat sich Lohmann als Sänger und Chorleiter etabliert. Er tritt in Hannover und überregional regelmäßig solistisch in Erscheinung und arbeitet mit namhaften Musikern und Ensembles zusammen. Die von ihm geleiteten Chöre finden große Anerkennung bei einem breiten Publikum.
Das Collegium Vocale Hannover leitet Florian Lohmann seit 2010 und nahm mit ihm 2013 „mit hervorragendem Erfolg“ am Niedersächsischen Chorwettbewerb teil.

Collegium Vocale Hannover (2011)

Auch unter neuer Leitung präsentierte sich das Ensemble seinem Publikum mit Oratorien- und A-Cappella-Aufführungen bekannter wie unbekannter Literatur vor allem der Alten Musik. Daneben entwickelte das Collegium Vocale Hannover mit Florian Lohmann aber auch die Aufführung Zeitgenössischer Musik zu einem Schwerpunkt seines Schaffens. Anspruchsvolle und zum Teil sehr vielstimmige Werke, zum Beispiel der 2012 uraufgeführte Zyklus „A Matter Of The Skies“ von Marcus Aydintan, prägen jetzt das Repertoire und fordern von den Collegen auch solistische Qualitäten. „Dass das Collegium Vocale Hannover nicht nur als Gruppe zu überzeugen weiß, sondern auch über vorzügliche Solisten verfügt“, berichtet ein Kritiker von jener Uraufführung.

Collegium Vocale Hannover (2012)

Seit 2011 ist das Collegium Vocale Hannover ein regelmäßiger und gern gesehener Gast bei Konzerten und Veranstaltungsreihen in der ganzen Region Hannover. Einladungen zum Klosterjubiläum in Loccum, den Chortagen Hannover oder an die Leibniz Universität zeugen von der Wertschätzung, die das Ensemble genießt. Auch beim Niedersächsischen Chorwettbewerb im September 2013 wusste das Collegium Vocale Hannover unter Leitung von Florian Lohmann zu überzeugen.

Niedersächsischer Chorwettbewerb

2013 nahm das Collegium Vocale Hannover in der Kategorie Gemischte Kammerchöre am Niedersächsischen Chorwettbewerb teil und erreichte „mit hervorragendem Erfolg“ einen 2. Preis. Daneben gewann das Ensemble die Sonderwertungen „Zeitgenössisches Werk“ und „Volkslied“ sowie den Förderpreis des Niedersächsischen Chorverbandes.

Das Collegium Vocale Hannover freut sich 2013
nach dem Chorwettbewerb über seine Erfolge.

Der Niedersächsische Chorwettbewerb wird alle 4 Jahre durchgeführt. Mit dieser Veranstaltung bietet der Landesmusikrat den Laienchören des Landes eine Plattform zur Begegnung und zum Leistungsvergleich und erhält dabei die Gelegenheit, den Teilnehmern inhaltliche oder methodische Impulse zu geben.
Das Wertungssingen erfolgt in mehreren Kategorien und dient als Vorausscheid für den Deutschen Chorwettbewerb.

Mit dem 1. Preisträger des Chorwettbewerbs, dem Oldenburger Kammerchor, entstand im Rahmen des Wettbewerbs eine Chorfreundschaft, die 2014 und 2017 zu gemeinsamen Konzerten in Hannover und Oldenburg führte. Wir dürfen gespannt sein, welche weiteren Früchte diese für Chöre wie Publikum bereichernde Partnerschaft in Zukunft noch tragen wird!

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Collegium Vocale Hannover (2014)

Im Jahr 2014 feierte das Collegium Vocale Hannover zudem sein 10-jähriges Bestehen. Als krönender Abschluss des Jubiläumsjahrs erklang am 4. Advent Claudio Monteverdis Marienvesper.
Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte sich das Collegium Vocale  kaum machen können“, bemerkte ein Kritiker dazu.

Claudio Monteverdi
Monteverdi

C. Monteverdi (1567-1643) ¹

Er ist die personifizierte Schwelle zwischen den Epochen: Steht seine Ausbildung in Cremona noch ganz im Zeichen der Renaissancemusik, entwickelt Monteverdi als Kapellmeister am Hof zu Mantua und später am Markusdom in Venedig einen innovativen individuellen Stil, der heute vielfach als Beginn der Barockmusik angesehen wird. Damit gehört er zu den größten und einflussreichsten Meistern der Alten Musik.
Heute gilt Monteverdi vielen als Erfinder der Oper, zumindest aber als ihr erster bedeutender Komponist. Doch nicht nur hier war sein Schaffen bahnbrechend – auch in der geistlichen Musik hat er einen bedeutenden Meilenstein hinterlassen: Viele Musikwissenschaftler halten seine Vespro della Beata Vergine (Marienvesper) von 1610 für das erste große Oratorium.

Jubiläen sind nicht nur Feste, sondern oft auch Meilensteine, an denen die künftige Marschrichtung neu definiert wird. So auch hier: Mit Beginn der neuen Dekade legte das Collegium Vocale Hannover die formelle Bindung an die Südstadt-Gemeinde ab und gründete sich 2015 als eingetragener Verein. Eine Entscheidung für mehr Eigenverantwortung und Flexibilität, nicht gegen die Gemeinde – denn dieser bleibt das Ensemble weiterhin eng verbunden. Und musikalisch ändert sich übrigens auch nichts.

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De Angelis (2015)

Ebenfalls 2015 erschien bei Rondeau „De Angelis“, die erste CD des Collegium Vocale Hannover, die zu unserer Überraschung gleich eine Nominierung für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhielt.
In 10 A-Cappella-Werken des 15. bis 20. Jahrhunderts werden, wie der Titel schon vermuten läßt, die himmlischen Gesänge der Engel und die irdischen Spuren ihres Wirkens hör- und erfahrbar, zum Beispiel in Arnold Schönbergs Meisterwerk „Friede auf Erden“.

Arnold Schönberg
Arnold Schönberg (Selbstporträt)

A. Schönberg (1874-1951) ¹

Wohl wenige Autodidakten haben die Musik so nachhaltig beeinflusst wie Arnold Schönberg. Unkonventionell wie seine Musik ist auch der Werdegang: Der frühe Tod des Vaters 1889 zwang den 15-Jährigen, für die Familie zu sorgen; erst um die Jahrhundertwende war Schönberg in der Lage, seinen Brotberuf aufzugeben und sich ganz der Musik zu widmen. Obwohl ohne anerkannte Ausbildung, war er fortan u.a. als Kompositionslehrer tätig.
In seinen Werken verlässt Schönberg bald den spätromantischen Stil seiner Zeit und entwickelt neue Kompositionstechniken. Er gilt als Wegbereiter der Atonalen Musik und Begründer der Zwölftontechnik. Zu den Meilensteinen der Chormusik zählt heute Schönbergs Chorwerk „Friede auf Erden“, das auf der Schwelle zur Atonalität steht und lange als unaufführbar galt.

Mit Schönberg ist auch ein Höhepunkt des Jahres 2016 verbunden: Seine „Gurre-Lieder“ erklangen in einer Veranstaltung der KunstFestSpiele Herrenhausen; in den vielhundertstimmigen Chor reihte sich auch das Collegium Vocale Hannover ein.

Collegium Vocale Hannover (2016)

Nicht mit-, sondern nacheinander singen die Chöre bei den Chortagen Hannover; das Collegium durfte hier am Galakonzert teilnehmen. Die erklärte Absicht, in diesem Rahmen bei traditionell sommerlich-heißer Atmosphäre für etwas Erfrischung zu sorgen und zugleich das Jubiläum des Reinheitsgebotes mit einem adäquaten Beitrag zu würdigen, konnte allerdings nicht realisiert werden. Dies jedoch aus einem erfreulichen Grund: Der NDR produzierte von diesem Konzert einen Mitschnitt für die renommierte Sendung Musica – Glocken und Chor, in welcher zugegebenermaßen ein Trinkliedprogramm deplaziert gewesen wäre.
Als ausgleichende Gerechtigkeit verzichtete das Collegium auch auf ein Programm zum Reformationsjubiläum und platzierte die Uraufführung der auf einem Luthertext beruhenden Litanei von Maximilian Schnaus stattdessen noch vor Beginn des Jubeljahres.

Am Ende des Jahres 2016 steht die erste Auslandsreise: Das Collegium Vocale Hannover folgte einer Einladung nach Brüssel in die Kirche Notre-Dame du Sablon; und auf dass der Weg nicht zu lang werde, machte das Collegium unterwegs Halt in Aachen und sang daselbst im Hohen Dom. Beide Konzerte an so geschichtsträchtigen Orten sind eine große Ehre und bleiben gewiss lange in Erinnerung.

Interessante Konzerte voll großartiger Musik an wundervollen Orten – so geht es auch in Zukunft weiter. Eine weitere Auslandsreise zeichnet sich ab, womöglich wird sogar eine neue CD produziert, und auch Einladungen namhafter Veranstaltungsreihen stehen bereits im Terminplan. Es gibt also weiterhin Gelegenheit, den spannenden Gegensätzen von Alter und Neuer Musik nachzuspüren. Wir hoffen auf reges Interesse!


Bildquellen:
¹ de.wikipedia.org